Baumwolle aus Gulu in BERLIN

Was mit seiner Baumwolle geschieht, davon hat Acaye Christopher nur eine vage Vorstellung. Er sieht zwar oft, wie die großen gepressten Baumwollballen auf Lkws verladen werden. Aber wohin sie geliefert werden, weiß er nicht. Die Vorstellungen von Ato Evaline sind nur wenig genauer. Sie wird wohl zu Kleidung, und auch im Krankenhaus hat sie „Cotton Wool“ gesehen, erzählt sie uns, als wir mit ihr neben ihrem Feld sitzen und sich das Rot ihres um den Kopf geschlungenen Tuchs gegen den hellblauen Himmel abhebt. Charles Oboth, der Operations Manager der Gulu Agricultural Development Company (GADC), bestätigt, dass die meisten BauerInnen zwar wissen, dass die Baumwolle zu Kleidung verarbeitet wird. Aber was das für Kleidung ist und wer dies macht, wissen sie nicht. Wir aber schon, fügt er mit einem Lächeln hinzu, während im Hintergrund die Entkörnungsmaschinen rattern.

Acaye Christopher und Ato Evaline während der Feldarbeit auf ihren Feldern in Nord-Uganda.
Acaye Christopher und Ato Evaline während der Feldarbeit auf ihren Feldern.

Gut 5.800 Kilometer Luftlinie entfernt im Kreuzberger Teil der Friedrichstrasse, da wo der Glanz des Berliner Hauptstadtboulevards von Grillimbissen, Spielotheken und einem tristen Berufsinformationszentrum abgelöst wird, findet man die Hausnummer 217. Hinter den Vorhängen der großen Schaufenster im Erdgeschoß des grau-braunen Siebzigerjahre-Baus könnte man eine Galerie oder ein Atelier vermuten, aber nicht eins der wenigen deutschen Restaurants, die zu „The World’s 50 Best Restaurants“ gehören.

Nach einem kurzen Klingeln öffnet ein glatzköpfiger Mann mit schwarzem Vollbart in einer schneeweißen, klassisch doppelreihig geknöpften Kochjacke und bittet uns herein. Micha Schäfer, Küchenchef und kreativer Leiter des Michelin Stern ausgezeichneten Restaurants Nobelhart & Schmutzig, führt uns an eine große hufeisenförmige Theke, die die offene Küche umgibt.

Ato Evaline und Acaye Christopher würden staunen, wenn sie sähen, dass das gesamte Küchenteam mitten in Berlin Jacken aus Baumwolle der GADC vielleicht sogar aus ihrer Baumwolle trägt. Die Eleganz des Restaurants gepaart mit Coolness, der Spagat von Restaurant und Nachtleben gelingt dem Nobelhart und hat es zu einer festen Größe in Berlin und in der internationalen Gastronomie gemacht. Doch die Welten scheinen auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein zu können.

Auf den ersten Blick… denn das, was als hippe Oberflächlichkeit abgetan werden könnte, erfährt Tiefe durch Initiativen wie Die Gemeinschaft e.V. Das Nobelhart & Schmutzig ist gemeinsam mit dem Berliner Restaurant Horváth Initiator des gemeinnützigen Vereins Die Gemeinschaft e.V., in dem sich handwerklich arbeitende LebensmittelproduzentInnen und GastronomInnen austauschen, kooperieren und unterstützen – mit dem Ziel, durch ihre Arbeit positive Auswirkungen auf Böden, Menschen, Arbeitsplätze, Nachwuchs, Tiere, Vielfalt und Umwelt zu erzielen. Was klein anfing, hat mittlerweile bundesweit Unterstützer gefunden.

Küchenchef und kreativer Leiter Micha Schäfer mit seinem Team bei der Arbeit im Restaurant Nobelhart & Schmutzig, Berlin.
Küchenchef und kreativer Leiter Micha Schäfer mit seinem Team bei der Arbeit im Restaurant Nobelhart & Schmutzig, Berlin.

Micha Schäfer erklärt, was die Haltung für das Restaurant bedeutet: „Wir wollen nicht nur bei den Lebensmitteln, sondern auch bei allen anderen Dingen im Restaurant ‚dahinterschauen‘. Wer sind die Produzenten der Tassen und Weingläser, wo kommt das Holz für die Theke her und wer ist der Schreiner. Wir wollen, dass hinter den Produkten, die wir nutzen, Menschen stehen.“

Zum Konzept des „Dahinterschauens“ gehören auch die Kochjacken des Restaurants sowie die Neugier, das Interesse und die Wertschätzung der dafür aufgebrachten Arbeit im Norden Ugandas. Das, was auf den ersten Blick so unterschiedlich scheint, ist in der Sache nur wenig voneinander entfernt. Acaye Christopher und Ato Evaline sind LandwirtInnen, die in ihren Kleinbetrieben neben Baumwolle auch Sesam und Chillies für den internationalen Markt sowie weitere Feldfrüchte für den Eigenbedarf anbauen. Ihr umfassendes Know-how und ihre tägliche Arbeit garantieren qualitativ hochwertige Produkte, die Käufer finden und somit ihren Lebensunterhalt garantieren. Somit gibt es wenig Unterschied zu einem Landwirt in Brandenburg der Der Gemeinschaft angehört. Interessant wäre es allerdings, wenn sich beide Welten kennenlernen würden.

Das ganze Interview von Stefan Rennicke mit Micha Schäfer vom Nobelhart & Schmutzig gibt es bei KAYA&KATO

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